Kultivierung des Herzens – Teil 1

In den kommenden Monaten werde ich in loser Folge Artikel zum Thema „Kultivierung des Herzens“ hier veröffentlichen. Meine Lehrer haben mir beigebracht – und tun dies immer noch – dass es der wichtigste Aspekt einer guten und erfolgreichen Qigong-Praxis ist: Sein Herz, sich selbst kultivieren! Doch wie kann eine solche Kultivierung denn aussehen? Welche Ideen, Konzepte und Ansätze existieren in der Chinesischen Medizin, deren Grundlage ja das Qigong oder die sogenannte Dao-Praxis ist? Wie konkret gehen wir vor in unserer Übungspraxis und wie genau hilft mir das Praktizieren von Qigong, mich meinem wahren Herzen wieder nähern zu können? Diese Fragen sollen in immer wieder neuen Facetten in den kommenden Artikeln erörtert und vorgestellt werden.

Beginnen möchte ich zunächst mit einer kleinen Untersuchung der Begriffe Kultivierung und Herz. Der Begriff Kultivierung stammt ursprünglich aus der Agrikultur, aus der Landwirtschaft. Er bezeichnet die intensive Vorbereitung und die intensive Begleitung und Betreuung von Prozessen, die Wachstum ermöglichen. Ackern ist ein wunderbarer deutscher Begriff, der diesen Sachverhalt perfekt umschreibt und wiedergibt. Und unter ackern verstehen wir harte Arbeit (chin. GONG), oder!?! Wir ackern für eine Prüfung oder andere Ziele und legen uns deshalb mächtig ins Zeug. Diese Idee finden wir im Qigong und in der Chinesischen Medizin der Klassik (KCM) ganz selbstverständlich. Doch was genau bedeuten Sie? Unsere hierzulande oft vorherrschende Vorstellung, das wir Qigong mal üben, wenn´s gerade passt, widerspricht dieser Definition und diesem Konzept völlig. Wir sollen uns um das Qigong und das, was es uns ermöglichen, eröffnen kann, intensiv bemühen. Wir sollen uns fürchterlich anstrengen um voranzukommen, umgangssprachlich salopp formuliert sollen wir uns den A…. aufreißen, um ans Ziel zu gelangen ;-).

Doch schon hier begegnen wir als moderner industriegeprägter Mensch großen Umsetzungsproblemen. Es bedeutet nicht, sich im Kopf wahnsinnig anzustrengen. Es ist keine Verstandesleistung zu erbringen oder wenn, nur eine geringfügige. Wir sollen nicht möglichst viel nachdenken. Wir sollen keine intellektuelle Leistung erbringen, oder wenn, dann doch eher als Unterstützung für ganz praktische Aspekte, die ein Tun, ein Handeln, eine Tat benötigen. Es geht nicht um eine verquere, oft sinnentleerte Darbietung intellektueller Leistungsfähigkeit. Es geht viel mehr um die praktische Umsetzung meines tiefen Interesses, meiner tiefen inneren Suche  nach Erkenntnis, nach Weisheit, nach dem wahren Sein, nach dem Eintauchen ins kosmische Herz. Doch weil dies sehr schnell missverstanden werden und uns meilenweit weg vom Weg bringen kann, seien hier ein paar Beispiele erlaubt.

Fast jeder hat irgendeinen tollen Spruch eines großen Philosophen an seiner Wand oder sonstwo hängen wie beispielsweise das Motto des Monats: „Wir sind ein Teil der Erde und sie ist ein Teil von uns!“ (von Häuptling Seattle – gesagt auf seiner berühmten Rede 1855 auf die Anfrage der Weißen, ob sie sein Land kaufen könnten…). Oder wir zitieren und schmücken uns mit sprichwörtlichen Weisheiten wie: „Weniger ist mehr!“. Oder nutzen Sätze wie: „Vertrauen ist der Anfang von allem!“ (welcher von einer Bank genutzt wird, was meine Aussage mehr als unterstreicht!). Sätze wie diese zu kennen, sie nachplappern zu können oder sie an der Wand hängen zu haben ist eben nicht das, worum es geht. Es nutzt mir gar nichts. Es hat keine Relevanz, keine Bedeutung für mich und mein Leben, meinen Alltag.  Und doch ist es eine unserer intellektuellen Lieblingsbeschäftungen.

„Wenn wir wissen wollen, was es mit dem Qigong auf sich hat, so müssen wir es intensiv praktizieren“, hat einer meiner Lieblingslehrer, der verstorbene Liu Hanwen so wunderschön gesagt. Jede freie Minute sollen wir dem Dharma widmen hat – sinngemäß – der große buddhistische Erleuchtete Dilgo Khyentse ausgesprochen. Die Liste wäre wiederum endlos. Doch auch um diese Liste geht es nicht. TUN ist das Gebot der Stunde. Statt jedem nur zu empfehlen Qigong zu praktizieren, sollten wir es selber häufiger, intensiver und regelmäßiger tun. Statt es als Methode zu missbrauchen, indem wir es ab und an mal praktizieren – eben wenn es gerade mal passt – sollte unser Herz daran hängen und wir sollten neugierig danach sein, es zu tun und entsprechend ackern. Und dazu braucht man nicht nach China oder sonstwo hinreisen, um es intensiv praktizieren zu können, auch wenn uns das manche Bücher weismachen wollen. Das können wir wunderbar hier bei uns, in unserem Alltag tun. Gerade diese Alltagspraxis ist unendlich viel segensreicher und effektiver, als abgeschieden in einem Kloster zu sein und die Kultivierung wieder sein zu lassen, sobald wir die Klostermauern verlassen haben. Ackern fand früher nicht in einem geschützten Rahmen irgendwo in der Abgeschiedenheit der Welt statt, sondern zumindest zum Großteil im Alltag. Auch dies ist eine große Gefahr missverstandener Konzepte und Ideen. Ein kleiner Schritt in die falsche Richtung, meilenweit in die Irre. Was übrigens natürlich nicht bedeutet, das solche Klosterzeiten, Retreats oder Ähnliches nicht sinnvoll wären. Ganz im Gegenteil, sie sind sehr sinnvoll, wenn wir sie als „Appetizer“ verstehen und versuchen, einige Aspekte an dort erlebter und gemachter Erfahrungen in unseren Alltag hinein zu transportieren.

Ackern oder kultivieren bedeutet praktizieren, tun, agieren, anpacken und benötigt eine gut funktionierende Gallenblase. Eine ihrer Hauptfunktionen ist nämlich das Ausführen, die Tat. Nähere Informationen hierzu in meinen Artikeln über die Organsysteme oder meine entsprechenden DVDs.

Ackern oder kultivieren bedeutet, sich ranzumachen an den Prozess, anzufangen und sich beispielsweise zu fragen, was bedeutet es ein Teil der Erde zu sein?? Und wieso ist sie ein Teil von uns? Nicht in der Theorie!!! Was bedeutet es konkret in der Praxis, in meinem Leben!!! Was meint weniger ist mehr denn ganz praktisch?? Was müsste ich tun, um weniger ist mehr zu leben? Wir müssen hinterfragen, erkunden, erfahren und uns erüben, warum Vertrauen der Anfang von allem ist!!!

Die Praxis der Auseinandersetzung mit uns und unserem alltäglichen Leben ist die Basis des Lebens und die Basis unserer Erfahrungen und unseres Seins. Hier sollten wir beginnen zu forschen worum und wie es wirklich es geht. Ich übe jetzt Qigong, denn es ist genau so eine Methode, die uns weiterhelfen kann bei unserer Suche nach Verwirklichung, nach Verstehen, nach Stille, nach Unendlichkeit, nach Kraft, nach Leben, nach Intelligenz, aber nach der Intelligenz des Herzens, wie Osho es so schön bezeichnet hat. Und wir sollten unseren Alltag hinterfragen, statt ihn einfach nur intellektuell einzuordnen. Warum brauche ich dies oder jenes? Und brauche ich es wirklich? Wie fühlt es sich an, wenn ich es nun bewusst anders mache oder darauf verzichte?

Kultivierung beginnt mit der konkreten Tat. Ich übe, ich lese, ich bin neu-gierig, ich suche, ich verändere, ich probiere, ich mache Fehler, ich bin aktiv dabei…all das und noch viel mehr bedeutet Kultivierung.

Über den Begriff und erste Beleuchtungen des Konzeptes und des Ausdrucks Herz wird mein nächster Blogartikel sein. Weitere Artikel werden sich mit der Idee und dem Begriff Heilung befassen. So hoffe ich, euch Inspiration liefern zu können für eine weitergehende und intensivere Praxis. Meine Kurse, Veröffentlichungen, die Chinareise und meine neue Ausbildung sind weitere Bausteine meines Ansatzes, klassische Lehren authentisch und alltagstauglich weiter zu vermitteln.

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