Dunkel, Kälte, Winter – Depressionen

Heute aus aktuellem Anlass ein paar erläuternde Worte über Depressionen aus Sicht der Chinesischen Medizin.

In der Chinesischen Medizin kennen wir sehr unterschiedliche Formen von Depressionen, die letztlich alle individuell unterschiedlich behandelt werden müssen. Ich möchte zwei größere Zweige herausgreifen und deren allgemeine Ursachen versuchen ein wenig zu beleuchten.

Wir kennen die sog. Herbst-Depression und die Depression im Frühling. Beide haben ganz unterschiedliche Auslöser und Hintergründe. Im Herbst zieht sich das Yang, das Qi langsam zurück von der Oberfläche ins Innere des Menschen, so wie wir es in der Natur auch erleben können zu dieser Jahreszeit. Die Temperaturen sinken, es wird kalt, windig, nass und dunkel. Und weil es natürlich ist, folgt auch der Mensch diesem langsamen Rückzug ins Innere. Doch wenn das Qi, das Yang schon geschwächt sind, dann erfolgt dieser Rückzug eben nicht langsam und angepasst, sondern geht auf einmal sehr schnell. Die Welt des Lichts, des Yangs, der Wärme bricht einem über dem Kopf weg und hinterlässt eben ganz schnell Kälte, Nässe und Dunkelheit. Und schon sind wir in einer depressiven Phase. Und je nachdem, wie ausgeprägt unsere Schwäche ist, kann es einige Zeit dauern, bis der Körper wieder in eine Art Balance gelangt. Dies ist abhängig von vielen Faktoren, auf die ich gleich noch kurz eingehen möchte.

Im Frühling verhält es sich genau umgekehrt. Das Yang, das Qi beginnt mit dem Frühling sehr schnell aufzubrechen und sich an der Peripherie zu zeigen, wie beim Sonnenaufgang, der sehr schnell stattfindet. Dies geht eben wesentlich schneller als es beim Rück, beim Sonnenuntergang der Fall ist, der eher langsam daher kommt. Kann das Yang aber dieses schnelle Tempo nicht mithalten, so entsteht wiederum eine Depression, dieses Mal im Frühling. Natürlich sind Mischformen und auch ganz andere Ursachen möglich!

Immer ähnlich ist beiden Formen jedoch, dass unser Qi, unser Yang nicht schnell genug agiert bzw. zu schnell kollabiert. Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig, wie etwa eine Schwäche des Lungen-Qi, eine Schwäche des Milz-Yang oder eine Leere des Nieren-Yang, um ein paar Beispiele zu nennen. In allen Fällen hat es immer etwas auch mit unserem Immunsystem zu tun. Die Immunität, die auf drei Ebenen bewahrt wird (Lunge, Blase/Magen, Milz/Nieren) ist geschwächt und deshalb kommt die richtige Reaktion auf den „Angriff“, besser auf das Mitgehen mit der Natur, zu spät (Frühlingsdepression) oder erfolgt zu schnell (Herbst).

Ursachen solch mangelnder Beweglichkeit bzw. mangelnder Fülle oder Dichte im Immunsystem sind natürlich Veranlagung, aber auch immer mehr Lebenswandel. Das Qi muss trainiert werden, der Geist muss ruhig sein und wir müssen den Körper in all seinen Belangen stärken und fördern durch Ernährung und Schlaf.

Und nun erkennen wir auch sehr schnell Ursachen für die Schwäche unseres Qi´s, die zu Depressionen führen kann. Wir trainieren unser Qi zu wenig oder gar nicht! Bewusste (!) Spaziergänge an der frischen Luft beispielsweise, aber bitte eben nicht übertriebenes Joggen oder übertriebenen Sport, welche die Organe eher schwächen, weil sie Qi verbrauchen.

Auseinandersetzungen führen, im besten Sinne. Das Lungen-Qi ist prädestiniert dafür, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Dies sollte auch in unserem Alltag auf der emotionalen Ebene erfolgen. Kleine Diskussion fördern das Immunsystem. Und dabei geht es um das gemeinsame Suchen nach Verständnis für den jeweils anderen, nicht darum, zu gewinnen.

Weiter geht es um die richtige Einstellung! Ein sehr wichtiger, aber sehr schwer zu verstehender Aspekt. Ich kann jeden Tag mit dem Fahrrad einige Kilometer zur Arbeit fahren, weil ich meine, das ist dann gesund. Das wird auf Dauer nicht funktionieren. So wie es nicht funktioniert wenn man ständig kalt trinkt und kalt und roh ist weil man glaubt, dass es gesund sei. Auch vegan oder vegetarisch essen ist nicht deshalb gesund, weil wir es meinen. Und schon gar nicht sollten wir denken, dass wir, weil wir dieses oder jenes tun, besser sind als die anderen! All das funktioniert eben nicht!

Warum nicht?? Nun, ganz einfach, weil es nicht authentisch ist! Nicht tief aus dem Inneren kommt, sondern vordergründig im Verstand ein Gefühl von „Ich tue etwas“ erzeugt, was wir dann glauben wollen, dass es gut sei. Sie müssen gerne mit dem Fahrrad fahren. Sie müssen Freude daran haben. Sie müssen sich wirklich tief im Inneren wohl fühlen mit dem, was Sie tun und niemals das Gefühl haben, dass Sie das Richtige tun und alle anderen das Falsche. Und immer, wenn Sie meinen, Sie müssen missionieren oder sich selber erhöhen oder andere erniedrigen, weil Sie meinen, dass ihr Weg der einzig Wahre ist, dann sind Sie auf dem Holzweg. Das ist der Grund, warum ich die Daoisten mag, sie sind nicht so dogmatisch und erkennen immer auch die menschliche Schwäche als menschlich an…;-)!

Wir sollen die Dinge nur tun, weil wir es im Inneren spüren, dass es gut für uns ist. Aber, um ein Beispiel zu geben, wie viele Vegetarier spüren überhaupt nicht, ob das, was sie tun, auch so ankommt und in ihrem Körper so passiert. Ich habe so viele Vegetarier mit unglaublich starken Kältezeichen behandelt (kalte Füße, kalte Knie, Beine, Po, Hände, Ohren, weißer Ausfluss, Verdauungsstörungen, breiigem Stuhlgang), die das nicht oder nicht richtig wahrgenommen haben. Wir müssen spüren, ob unsere Idee von gesund auch wirklich im Inneren unseres Körpers eben genau für dieses gesund sorgt. Das können wir fühlen und meist auch sehr schnell. Oder die überstarken Fleisch- und Wurstesser, um ausgewogen zu bleiben, die ebenfalls vielerlei Probleme hatten, die sie nicht als solche aufgefasst haben (Hauterscheinungen durch übermäßige Fleisch-Toxine, übelriechender Stuhlgang, Verstopfung, hochrotes Gesicht, starker Salz- und Alkoholkonsum).

Unsere Immunität ist abhängig davon, ob wir schnell reagieren, schnell wechseln, uns schnell verändern können!!! Und dies wiederum ist eine Frage des Geistes! Wer festgefahren ist, wer Angst hat, wer alles kontrollieren will, der kann sich nicht schnell einer „neuen“ Situation anpassen. Und wenn wir das viele Jahre „trainiert“ haben (unser Muster leben), dann wird es unsere Gewohnheit, unser Weltbild, das, was wir unbedingt brauchen. Und das ist eben Quatsch! Unser Yang, unser Qi werden weniger, langsamer und träger und reagieren plötzlich nicht mehr. Selbst auf ganz natürliche Dinge wie die Jahreszeiten reagiert unser Immunsystem auf einmal nicht mehr adäquat.

Und einen letzten Punkt möchte ich hier auch noch zumindest erwähnen, dass Menschen mit Depressionen sehr sensibel sind und eigentlich genau erkannt haben, dass die Welt nicht mehr funktioniert, wie wir sie gerade leben. Diese Welt erzeugt zu viel PRESSURE/DRUCK und der Ausweg ist DE-PRESSURE. Und so holt sich der Körper selber aus dem Elend heraus. Wer unter Depressionen und langanhaltender Traurigkeit leidet, hat die Welt richtig erkannt und sollte anfangen, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Nämlich aufzuhören so zu leben wie man lebt! Und das inzwischen so viele Kinder depressiv sind (was in der KCM eigentlich unmöglich ist!), ist eine Art Frühwarnsystem für die gesamte Gesellschaft! Hier läuft etwas megafalsch bedeutet das nämlich, nix anderes!

Und genau dies tun wir dann zumeist nicht. Medikamente helfen uns über den Schub hinweg und dann geht es ja wieder. Aber so bleiben wir in einem Muster, welches uns immer kranker machen wird und welches wir eigentlich schon als ein solches erkannt hatten! Warum ist es wichtig, der Veränderung zu folgen, die uns die Depression vor Augen führt?? Nun, natürlich für uns selbst, da unser Körper, genauer unsere Seele ja schon gebettelt hat mit der Depression.

Bitte weniger Druck, bitte! Bitte weniger Druck!

Aber auch für unsere Kinder oder Freunde oder andere Menschen, die vielleicht über kurz oder lang dieselben Erfahrungen werden machen müssen, vor denen wir sie eventuell hätten bewahren können, wenn wir ehrlich mit uns gewesen wären.

Fazit: Ein schnelles Immunsystem durch einen wandelbaren Geist ohne zu viele Wünsche und Erwartungen. Eine gesunde, wärmende Ernährungsform. Guter und ausreichender Schlaf. Spaziergänge (Dao-Walks), Qigong, Taijiquan, Meditation, Atemübungen, um die Energie zu stärken und die Seele zu stärken. Wenig Bildschirmtätigkeit. Druck- oder Stressregulation im Leben. Möglichst wenig Emotionen durch überzogene Ansprüche an die Wirklichkeit, ans Leben. Bescheidenheit in unserem Dasein. All dies sind gute Methoden, um einer Depression vorzubeugen oder sie zu therapieren.

Foto: Peter Frantz, pixelio.de


2 Gedanken zu “Dunkel, Kälte, Winter – Depressionen

  1. Marisol Antworten

    Ich habe mich auch viel mit Depressionen beschäftigt, hatte auch jahrelang selbst welche. Und mit Naturzyklen.
    Deshalb möchte ich gerne noch etwas ergänzen.
    Gerade Winterdepression wird oft auch dadurch gefördert, weil eben alles in den Rückzug, in die Ruhe, die Innenkehr usw geht – aber wir in unserer Gesellschaft und Lebensweise das nicht tun.
    Wenn man von sich selbst erwarter, im Winter genauso zu „funktionieren“ wie im Sommer, genausoviele Aktivitäten zu haben, Freunde zu treffen, produktiv zu arbeiten, usw, dann geht man genau entgegen der Naturströmung. Die Energien im Körper gehen natürlich mit der NAturströmung, wie im Artikel auch sehr schön beschrieben wird.

    Und zu keiner Jahreszeit merken wir die Diskrepanz zwischen dem was die Energie sagt und dem was der Lebensstil sagt deutlicher als im Herbst/Winter.
    Auch die Weihnachtszeit wie sie heute ist ist eine Katastrophe aus diesem Blickwinkel. Mit all dem Stress, dme Konsum, den Dramen, dem Organisieren, usw.
    Nicht umsonst war das eigentlich eine sehr besinnliche, stille Zeit, Zeit des Rückzugs….Advent war Fastenzeit, erst zu Weihnachten (Wintersonnwende – entspricht Mitternacht, maximales Yin, ab jetzt steigt das Yang wieder langsam, die Geburt des Lichts) gab es dann ein Festmahl. Die Rauhnächte waren dann zwar schon eine festliche, aber auch eine sehr zurückgezogene Zeit in der nicht gearbeitet werden durfte.

    (Was natürlich früher auch logistische Gründe hatte, um mit den Vorräten über den Winter zu kommen – im Herbst aß man sich nochmal schön speck an mit den schneller verderblichen Lebensmitteln. Dann konnte man eine weile fasten. Zur Mitte hin brauchte man aber erstens wieder mehr Nahrung und zweitens „moralische Unterstützung“ in der Dunkelheit. Es gibt auch viele alte Weihnachtstraditionen, die mit Besuchen und Austausch von Essen zu tun haben – so haben alle einen möglichst vielfältigen Nährstoffpool zur verfügung.)

    Wenn man dies ein wenig bedenkt und im Hinterkopf behält, dann begreift man schnell, dass man einfach mehr in den Rückzug gehen sollte und darf. Weniger Leistungsanspruch an sich selbst stellen….Es ist die Zeit für die Begegnung mit sich selbst.
    Man könnte auch sagen, im Winter ist viel weniger Leistungsenergie vorhanden – wenn man gleich viel leisten will erschöpft man sich unmäßig – die Depreyssion wäre dann eine Erschöpfungserscheinung.

    Das alles ergänzt sich zum Artikel und widerspricht ihm in keinem Punkt. Ich füge nur neben den Ursachen „grundlegender Energiemangel der schon vorher da war“ auch noch hinzu „Energiemangel der entsteht, weil man zu dieser Zeit genau entgegengesetzt zur Zeitqualität lebt“.

    1. Joachim Stuhlmacher Antworten

      Danke, liebe Marios, das stimmt natürlich. Ich hatte bereits in vorherigen Artikeln mehrfach auf diese wichtigen Aspekte unseres falschen Lebensstils hingewiesen…!

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