Wie funktioniert Qigong als Therapie – Teil 2 / Das Leben fest im Griff

Ich möchte heute ein weiteres Mal auf unser Denken, auf unsere Vorstellung davon, wie das Leben zu sein hat, eingehen. Die Vorstellung vom Leben, diese Art des Denkens über das Leben erzeugt Probleme und letztlich Krankheit.

Ich möchte mein Leben, ich möchte mich wieder in den Griff bekommen! Ich möchte wieder auf die Spur kommen! Ich brauche Zugriff auf dieses oder jenes! Daran muss ich festhalten! Ich möchte mein Leben neu ordnen! Und viele, viele Glaubenssätze mehr, sind heute mein Thema. Diese Glaubenssätze entspringen ausnahmslos dem Verstand, dem Intellekt und natürlich entsprechenden, unguten Erfahrungen (auf die ich heute leider nicht näher eingehen kann). Und damit führen sie, zumindest in ihrer Intensität, immer wieder weg vom Leben, sie verschärfen das Problem.

Wer sein Leben auf die von mir angedeutete Art wieder in den Griff bekommen möchte, der will eigentlich nichts anderes als KONTROLLE! Und Kontrolle steht in einem krassen Widerspruch zum Leben!

LEBEN KANN NIEMALS KONTROLLIERT WERDEN!

WAS??!! Ich höre Ihren Aufschrei beim Lesen dieses Satzes, aber er bleibt dennoch wahr. Wir können nichts kontrollieren, lenken, steuern. Die rote Ampel auf dem Weg zur Arbeit. Ein Unfall direkt vor uns. Das Versagen während einer Prüfung. Das Wetter, die Laune unseres Partners oder unseres Gegenübers. Unsere Emotionen. Den Tod, ja selbst unseren Tod nicht! Und da wir diesen nicht unter Kontrolle haben, bedeutet dies, dass wir auch niemals unser Leben unter Kontrolle haben können. Die Liste an Beispielen ließe sich endlos fortsetzen!

Zu viel Kontrolle haben wollen (Perfektionismus) ist eine Krankheit der Lunge. Atembeschwerden sind wahrscheinlich ein erstes Anzeichen unseres Verlangens nach Sicherheit, nach Kontrolle. (Lebens-) Rhythmusstörungen beispielsweise was Schlaf oder den weiblichen Zyklus angeht, können weitere Botschafter sein, dass wir unser Handeln neu überdenken (besser überfühlen, hineinspüren) UND ändern sollten.

In Kursen zeige ich gerne, was passiert, wenn mir jemand meinen Arm ganz fest mit beiden Händen festhält. Wenn jemand versucht, mich im Griff zu haben. Dann können die Zuschauer sehen, dass ich denjenigen in arge Bedrängnis bringe, weil er mir ja zwingend folgen muss. Dasselbe geschieht mit uns, wenn wir dies mit dem Leben tun. Wieder in die Spur kommen, wieder Kontrolle erlangen wollen führt letztlich immer zum Gegenteil. Zu Kontrollverlust und letztlich zu emotionalen und körperlichen Problemen, sprich zu Krankheit.

Bevor wir etwas in den Griff bekommen wollen, sollten wir zunächst LOSLASSEN! Wenn wir wieder in die Spur kommen wollen, sollten wir zunächst das Chaos genießen! Wenn wir unser Leben neu ordnen wollen, sollten wir das NEU betonen und weniger die ORDNUNG!

Ich hatte diesen Aspekt in einem anderen Artikel UNVOREINGENOMMENHEIT genannt. Wir wollen zu viel. Wir brauchen KONTROLLE, weil wir ANGST haben. Und Angst ist in den allermeisten Fällen ein schlechter Ratgeber.

Wir leben gerne YOU WEI (mit Absicht handelnd), doch die alten Lehren deuten immer wieder auf WU WEI (unvoreingenommen handelnd) hin. In vielen Situationen, selbst in denen, in denen wir sicher sind, dass wir Kontrolle benötigen, ist Wu im Sinne von ergebnisoffen, unvoreingenommen, flexibel sein die weitaus effektivere UND gesündere Art zu leben.

Im Qigong und selbst in der Kampfkunst (!) Taijiquan trainieren wir es, offen, flexibel zu bleiben und zunächst zu lernen zu FOLGEN! Kontrolle bedeutet, ich will bestimmen, doch wenn du bestimmen möchtest, musst du erst lernen, wie etwas funktioniert. Du musst es zunächst verstehen, bevor du es nutzen kann. DU MUSST FOLGEN! Du musst vollständig darin eintauchen.

Loslassen, dem Leben vertrauen, auch dann, wenn es uns fast unmöglich oder, was häufiger der Fall ist, wenn wir meinen, dass es keinen SINN (DAO) macht. In einer Situation von Krankheit (insbesondere langfristiger, chronischer Beschwerden) ist es zwingend notwendig einzutauchen in das, was das Leben uns mit-teilen möchte!

Unbefangen bleiben. Ohne Be-Gier-de sein. Nichts bevorzugen. Unvoreingenommen bleiben und damit flexibel, weich und entspannt. Nur dann können wir erkennen, was wirklich SINN macht. Nur dann können wir gesund, heil werden.

Angst und ihre Methode Kontrolle töten Flexibilität, sie töten Kreativität, Weichheit und Entspannung. Alles Dinge, nach denen wir doch so streben!

Wenn wir meinen, das wir uns wieder in den Griff bekommen sollten. Dass wir mehr kontrollieren sollten und es allen recht machen sollten, ist es Zeit, sich an das von mir Geschriebene zu erinnern und es zu beherzigen. Denn eine solche Situation braucht das Gegenteil von dem, was wir in der Regel tun, nämlich Druck (Griff, Spur) Herrschen. Es braucht Gelassenheit, Stille und Weichheit. Wildes Herumhantieren und verzweifelt nach einer schnellen Lösung agierend, macht alles letztlich nur schlimmer. Der Druck wird immer größer, die Probleme dadurch auch.

Solche Situationen benötigen Zeit, Entspannung, Kreativität und RAUM, um Dinge erfahren, daraus lernen und das Gelernte dann umsetzen, sprich wirken lassen zu können. Und dennoch ist es am Ende wesentlich schneller und überhaupt erst wirklich effektiv und wirkungsvoll in unserem Sinne, in unserem Wunsch, was das Resultat angeht. Druck funktioniert nur sehr begrenzt und niemals auf Dauer.

Wir sollten erkenne, worum es in der gerade erlebten Situation wirklich geht. Und da das Leben eben mystisch ist, ist das nicht so leicht und nur oberflächlich betrachtend, zu erkennen. Wir müssen eintauchen, loslassen und wirken lassen und zunächst einmal alles zur Ruhe kommen lassen, bevor wir wirklich erkennen können, worum es tief in unserem Inneren geht und wie wir am besten reagieren können. Und dies benötigt eben das besagte Vertrauen, es braucht manchmal Zeit und es benötigt ganz sicher Herz statt Verstand, Liebe statt Wut und Mitgefühl statt Druck.

Und eine große Flexibilität, eine riesige Unvoreingenommenheit. Diese trainieren wir im Qigong. Dem Leben offen und unvoreingenommen zu begegnen ist das Ziel jedes Qigongtrainings. Wir nennen das die Kultivierung des Herzens.


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